L a t e i n i s c h e s    k a b i n e t t

Souvenirs von einer Argentinien-reise

Macht ein sprachfreund eine reise, wird er auf seine eigene art auf souvenirs stoßen, die mitzunehmen ihn reizen. Immerhin „tickt” jede sprache anders, und es ist spannend, die besonderheiten der sprechgewohnheiten im besuchten land zu entdecken.

Nun spricht man in Argentinien spanisch. Ein spanisch mit regionalen besonderheiten in aussprache und vokabular. Die argentinier selber nennen es „kastilisch” (castellano). Aber was soll das auf einer latein-seite?

Zum einen: Die freude an der sprache hört nicht beim latein auf. Wer dem funktionieren von „kommunikation” und „sprache” auf den grund gehen will, der ist grundsätzlich neugierig und wird sich beim betreten eines spanischsprachigen landes nicht das beobachten (bzw. zuhören) verbieten wollen. Zum anderen: Die spanische sprache ist eine erbin der lateinischen. Immerhin.

Maurische zeit
el albergue (herberge, unterkunft)
el alcance (reichweite)
la alcantarilla (wasserkanal) (deminutiv von la alcántara) ✓
el alcohol (alkohol) ✓
el alambre (draht)
la álgebra: die algebra (gleichungslehre in der mathematik) ✓
el algodón (baumwolle) ✓
el algoritmo: der algorithmus (rechenregel) ✓
el almacén (lager) ✓
el almanaque: der almanach (jahrbuch) ✓
la almohada (kissen) ✓
el almuerzo (mittagessen) ✓
la química: die chemie ✓
(Dieser begriff stammt vom älteren quimia ab. Fängt zwar nicht mit al- an, ist aber wiederum eine verkürzung von la alquimia [die alchemie] – womit die vorsilbe al- wieder präsent wäre.)
Das spanische vokabular enthält eine reihe von wörtern, die mit al- beginnen und aus dem arabischen stammen.
Ob die rechts gesammelten begriffe tatsächlich ausnahmslos aus dem arabischen stammen, oder ob es auch zufällig so lautende begriffe darunter gibt, konnte noch nicht in allen fällen überprüft werden. Wo die arabische herkunft sicher ist, wurde dies mit einem haken ✓ vermerkt.
Wie kommt es, dass ausgerechnet das spanische so viele arabische wörter kennt, das deutsche dagegen kaum? Das mutterland der spanischen sprache wurde im zuge der ausbreitung des Islam seit dem 8. jahrhundert n. Chr. über mehrere jahrhunderte hinweg von arabern besiedelt. Die rede ist von den Omaijaden, vom Emirat bzw. Kalifat Córdoba, von den mauren bzw. sarazenen und von den almohaden, um einige stichworte zu nennen. Diese räumliche nähe der sprachen bzw. ihrer sprecher führt zur übernahme von elementen aus der anderen sprache. Nun ja, in Deutschland hat es eben auch keine jahrhunderte währende arabische einwanderung gegeben, in deren zuge sich eine solche vielzahl sprachlicher vermischungen hätte ergeben können. Aber einige begriffe arabischer herkunft lassen sich dennoch finden, die auch in die deutsche sprache eingang gefunden haben: der alkohol, die algebra, der almanach, der algorithmus und die (al)chemie.

La conquista
Auch die spanische kolonisation lateinamerikas hat spuren in der spanischen sprache hinterlassen. Allerdings müssen wir einen perspektivwechsel beachten, der von dem ort abhängt, an dem die unterschiedlichen sprachen sich begegnen.
Als die araber nach Spanien kamen, also in das mutterland der spanischen sprache, fanden die arabischen begriffe eingang in das hochspanisch der iberischen halbinsel – in das spanisch also, das später im zuge der conquista in die welt exportiert wurde.
Dieser export nun führte die spanier in weit entfernte gebiete Südamerikas, in denen indigene sprachen gesprochen wurden. Das spanisch, das die kolonisatoren in ihren neuen besitzungen in Südamerika etablierten, erfuhr durch den kontakt mit den indigenen sprachen (Quechua, Guaraní, Mapuche, Aymara, Toba …) ähnliche vermischungen wie mit dem arabischen – doch mit dem unterschied, dass diese vermischungen sich nur auf das in der jeweiligen südamerikanischen region gesprochene spanisch auswirkten, nicht aber auf das hochspanisch im europäischen Spanien.
Als ein beispiel sei der begriff la chacra (kleine farm) genannt, der aus einer südamerikanischen indigenen sprache übernommen wurde und auch nur in südamerika verstanden wird.

b larga und v corta
Karlsfresken:
Sarazenenschlacht bei Cordova
(Ausschnitt)
aus
Alfred Rethel: 60 Bilder
Kanter-Bücher 52, 1944
Für die spanier bzw. argentinier klingen b und v gleich, und zwar – wenn sie im wortanlaut stehen – wie das deutsche b.
Innerhalb eines wortes wird das b nicht, wie wir es gewohnt sind, mit luftdicht geschlossen lippen gesprochen, die dann „explodieren” (sog. verschlusslaut), sondern hier werden die lippen nur leicht gegeneinander gedrückt, während der luftstrom hindurchfließt (sog. reibelaut). Man könnte es auch ein aspiriertes b nennen. Für v gilt das gleiche. In der deutschen aussprache des v würden wir die innenkante der unterlippe gegen die zähne des oberkiefers drücken, während die luft hindurchströmt. Verschieben wir nun die unterlippe von den zähnen des oberkiefers weg hin zur oberlippe, während die luft weiterströmt, dann landen wir bei der spanischen aussprache – die dann keinen unterschied zur vorher beschriebenen aussprache des b im wortinneren mehr erkennen lässt.
Folglich müssen argentinier und spanier beim schreiben dazusagen, ob sie das lange b (b larga) oder das kurze v (v corta) meinen.
Damit gäbe es im spanischen folgende aussprachevarianten, hier dargestellt in der internationalen fonetischen lautschrift.
  wortanlaut wortinneres
b larga[b][ƀ]
v corta
Diese uneindeutigkeit der spanischen laute b und v führt unter den argentiniern zu zahlreichen rechtschreibfehlern, d. h. verwechselungen. Schüler schreiben willkürlich b oder v, ohne sich zu fragen, ob das gegebene wort „eigentlich” mit v oder b geschrieben wird – es klingt ohnehin gleich. Sogar regierungsstellen wissen nicht, ob sie ihre internetseite unter der adresse regierung.gob.ar oder regierung.gov.ar zugänglich machen wollen. Mit gob oder gov soll nämlich das spanische wort für regierung abgekürzt werden – nur, heißt es el gobierno oder el govierno?
Was steckt dahinter? Woher diese verwirrung?
aus Justus Perthes' Taschen-Atlas, 1917
Karte vergrößern (neues fenster) >>>
Hier wird Córdoba mit b geschrieben.
Jetzt kommen die lateiner wieder zum zuge. Das verb gubernare heißt lenken, leiten, regieren. Daraus wurde im spanischen durch anhängen der endung -o ein substantiv, das folglich korrekterweise el gobierno heißen müsste. Wobei vokalabwandlungen (hier von u nach o) normal sind. Die wandlung von e nach ie ist schließlich der spanischen regel geschuldet, nach der aus einem vokal (hier e) in betonter silbe oft ein doppelvokal wird (hier ie), was die aussprache „schmieren” soll.
Nachdem wir den lateinischen ursprung kennen und wissen, dass wir el gobierno zu sagen haben, ist es doch verwunderlich, dass auch das französische und das englische das lateinische b zugunsten eines v gestrichen haben: to govern bzw. gouverner (die verben) sowie the government bzw. le gouvernement (die substantive). Und hieran gibt es – anders als im spanischen – nicht einmal zweifel. Haben franzosen und briten kein geschichtsbewusstsein? Oder haben wir es hier mit einem fonetischen fänomen zu tun, nach dem die stimmhaften konsonanten b und v als so ähnlich anzusehen sind, dass sie austauschbar werden?
Wenn diese beiden buchstaben sich so angeglichen haben, wäre es eigentlich an der zeit, dass die amtliche spanische ortografiekommission ein wenig „aufräumt” und einen der beiden buchstaben aus dem spanischen alfabet streicht…

Bloß ein zimmer
Eine interessante komplikation ereignete sich beim versuch, von einem schlichten zimmer zu sprechen, das ich bewohnte. Was im deutschen so eindeutig benannt werden kann, scheint im spanischen recht kompliziert. Es gibt ein cuarto (zimmer), aber auch eine pieza (zimmer), das wörterbuch nennt ferner eine habitación (doch dieser begriff geht mehr in die richtung einer ganzen wohnung). Dann gibt es noch den piso, der zuallererst den fußboden oder das stockwerk meint, aber auch die nebenbedeutung einer wohnung besitzt. Angesichts dieser wortfülle und der bedeutungsüberschneidungen kann man sich gut in die lage eines ausländers hierzulande hineinversetzen, der noch um die wahl des geeigneten begriffes für die gewünschte aussage ringen muss – wenn ihm denn überhaupt sein begrenztes vokabular die in frage kommenden alternativen liefern kann. Schließlich gelangte ich zu der erkenntnis, dass ein argentinier am ehesten das verstand, was ich ihm sagen wollte, wenn ich meine ein-zimmer-unterkunft als pieza bezeichnete.

Wörter auf -ón
Es gibt auffallend viele wörter, die auf -ón enden. Dies ist keine überraschung, wenn man bedenkt, dass alle lateinischen begriffe auf -iō, -iōnis f im spanischen die form -ón erhalten. Beispiel: la oración (die rede) aus oratiō, -iōnis f. Was aber auffällt, ist, dass es eine ganze reihe von spanischen wörtern auf -ón gibt, die nicht direkt von einem lateinischen wort der form -iō, -iōnis f abstammen und die zudem maskulinen geschlechtes sind.
el colchón (die matratze) …
… ist verwandt mit la colcha (bettdecke), die wiederum von der lat. culcita, æ f (polster, matratze) abstammt. Die wandlung von colcha zu colchón sieht nicht danach aus, dass colchón ein ursprünglich lateinischer begriff gewesen sei.
el maricón (weichei, schwuler [abwertend]) …
… ist die maskuline form zu la marica.
el ratón (ratte, maus) …
… stammt von la rata (ratte) bzw. el rato ab, was wiederum vom lat. ratus kommt.
el rincón (ecke) …
… endlich ein wort arabischer herkunft, das nicht mit al- beginnt.
el terrón (erdklumpen) …
… lässt sehr schön die herkunft von lat. terra erkennen.
el tesón (beharrlichkeit) …
… stammt vom lat. tensiō, -iōnis f ab und fällt damit nicht unter die hier betrachtete besonderheit. Es wurden lediglich ein paar buchstaben aus dem lateinischen original gestrichen (tensio, tensionis → teso, tesonis) – und im streichen von buchstaben zwecks vereinfachung der orthografie sind die spanier bekanntlich großzügig. Außderdem erfuhr die tensio eine geschlechtsumwandlung zu el tesón.
el ventarrón (windstoß) …
… lässt die lateinische herkunft von ventus erkennen, doch wurde hier an den stamm vent- mehr als nur die endung -ón angehängt.
volantón, na (flügge) …
… ist endlich mal ein adjektiv mit dieser besonderheit.
Wir erkennen also in diesen beispielen ein wortbildungsmuster mit der endung -ón, welches typisch für die spanische sprache ist, ohne als bloße übertragung der lateinischen form -iō, -iōnis f erklärt werden zu können.

Wortendung -ero, -era

Straßenschild aus der emaille-fabrik. Wir befinden uns also auf einer avenue mit küstenblick.

Handgeschriebenes schild an der straße. Hier wird „hausmannskost” angeboten.
Mit der comida casera, der avenida costanera und dem asiento trasero (hinterer sitz, rücksitz) erleben wir die adjektivbildung mit dem wortausgang -ero, -era.
Gibt es eine lateinische entsprechung, etwa -erus, -era, -erum?
Während es sich bei den wörtern auf -ero, -era um eigentliche adjektive handelt, gibt es eine weitere gruppe von adjektiven, die auf -or, -ora enden. Beispiel: la arca congeladora (tiefkühltruhe). Hier wird im unterschied zur form -ero, -era vom substantiv congelador ausgegeangen, das vom lateinischen congelator, -ōris stammt. Die verwendung von substantiven in adjektivischer funktion ist im spanischen üblich. Als attribut zu einem maskulinen bezugswort würde congelador also eine beschreibende funktion erhalten. Mit el cajón congelador könnte man vielleicht ein fach zum einfrieren (frostfach im kühlschrank) bezeichnen. Für feminine bezugswörter wird die form congelador zu congeladora gebeugt – in analogie zu den vorher genannten adjektiven auf -ero, -era.

Substantive auf -ero
el cajero, la cajera (kassierer/in)
el invernadero (treibhaus)
el lavadero (waschküche)
el matadero (schlachthof)
el vivero (baumschule)
Eine weitere spanische wortgruppe fällt auf, die auf -ero endet. Diesmal handelt es sich um maskuline substantive (bei personen lässt sich auch eine feminine form auf -era bilden).
Gibt es dafür ein lateinisches vorbild (-erus, -era), oder ist diese wortform typisch spanisch?

Verwandtschaften zwischen kastilisch und deutsch
Da geht ein argentinier mit üppig behaartem kopf zum friseur und berichtet, er trage den spitznamen el jopo, also der schopf. Da klingelt es im linguistischen ohr. Obwohl damit zu rechnen ist, dass ein wort im laufe der jahrhunderte wie auch im zuge der auswanderung in eine andere sprache lautwandlungen über sich ergehen lassen muss, ist hier noch eine ähnlichkeit erkennbar, die auf die abwandlung des gleichen wortes schließen lässt. Offensichtlich handelt es sich also nicht um eine übersetzung unter verwendung von begriffen unterschiedlichen ursprungs – wie etwa im beispiel der tisch - la mesa.
j opo← spanisch
sch f← deutsch
Die weitgehende übereinstimmung fällt auf. Das j als aspirierter gaumenlaut im kastilischen ähnelt dem zischlaut sch im deutschen. Die buchstaben o und p sind identisch. Ein wirklicher unterschied besteht nur im auslaut zwischen o und f. Wobei zu beachten ist, dass das spanische gern die endung -o im singular des maskulinums setzt – das auslautende endungs-o ist somit nicht als bestandteil des wortstocks zu betrachten und kann bei einer übertragung in eine andere sprache unberücksichtigt bleiben. Das deutsche f ist als teil eines doppelkonsonanten aus einem labial und einem zweiten konsonanten zu verstehen, der im laufe der wortgeschichte von schopf verschiedene wandlungen durchmachte (-ft, -pt, -bh) oder den zweiten konsonanten ganz ausließ (-p).

Reflexives passiv


Schild am straßenrand. Hier nimmt das reflexive passiv für deutsche augen fast schon skurrile züge an. Die angebotenen hausgemachten kuchen werden nicht gebacken, sondern backen sich. Welch wunder!
Das spanische passiv ist dafür bekannt, dass es dort kaum wirklich passiv zugeht. Es wird selten etwas von jemandem getan. Vielmehr tut es sich … von selbst, möchte man fast sagen, doch selbstverständlich bietet auch das spanische die möglichkeit, die handelnde person nach der präposition por zu nennen. Diese formulierungsweise „um die ecke herum” ist für deutsche und lateiner gewöhnungsbedürftig. Wenn man aber einmal seinen spaß an ihr gefunden hat, dann findet man auch leichter zugang zu formen in der sprachlichen grauzone zwischen aktiv und passiv, dass heißt zu reflexiven und medialen verbformen.

Seelenleben von flugobjekten
Weißt Du, warum ein bumerang zurückkommt?
Nein. Warum kehrt er denn zurück?
Weil er heimweh hat.
Er ist eine melancholische waffe.
       ¿Sabes porqué vuelve el bumerang?
¿Porqué?
Porque extraña.
Es un arma melancólica.
Dialog der comic-figur Inodoro Pereyra des argentinischen karikaturisten Roberto Fontanarrosa.